Wo man sich nah ist, wird es heimelig

KREISZEITUNG Böblinger Bote

Erschienen am Dienstag, 3. November 2015

Anlass: Asamblea Mediterranea von Siegfried Dannecker

Warum Asamblea Mediterranea so gerne im Pavillon spielt
- Interview mit Gitarrist Alon Wallach und IG-Kultur-Chef Ingo Liedtke
>Bild< Schabernack im "Wohnzimmer"
Pavillon: Antonio Bras (links) und IG-Kultur-Chef Ingo Liedtke in der Badewanne, ein Beitrag zur Biennale Sindelfingen. Den beiden Kulturmachern ist daran gelegen, neben
der Musik auch Poetry Slam und Theater in das Domizil zu holen Foto:
Daniela Wolf
Wie oft Asamblea Mediterranea schon im Pavillon gespielt hat - Alon
Wallach, der Leiter der achtköpfigen Truppe, weiß es gar nicht genau.
"Aber wir kommen immer gerne dorthin. Es ist so schön heimelig", sagt
der 35-jährige Gitarrist. Ingo Liedtke, Chef der IG Kultur, hört das gern. Er
hat mit dem Veranstaltungslokal noch viel vor.
VON SIEGFRIED DANNECKER
SINDELFINGEN. Mehr Vielfalt, also nicht nur Konzerte, und aus dem
Pavillon noch stärker eine Marke heraus destillieren, das schwebt dem
50-jährigen Kulturmacher vor. Anlass für die KRZ, ein Interview mit den
beiden zu führen.
Herr Wallach, warum kommen Sie mit Ihrer Gruppe am kommenden
Samstag erneut in den Pavillon? Seit 2008 zum dritten oder vierten Mal.
Wallach: Weil es eine wunderbare Auftrittsstätte ist. Heimelig irgendwie,
wie kaum eine andere Bühne. Dahin kommt man immer wieder gerne
zurück. Und da erinnert man sich an vergangene Zeiten und wo man als
Künstler stand, als man das letzte Mal dort auftreten ist.

Die Nähe zwischen Publikum und Musikern ist ja aber auch enorm. Man
kann da kaum einen Meterstab aufklappen, so dicht geht es an der Bühne
bisweilen zu.
Liedtke: Eben. Und dadurch entsteht eine besondere Interaktion und eine
beinahe familiäre Atmosphäre. Das fordert die Künstler mehr. Das gibt
ihnen aber auch mehr.
Stichwort Familie. Gibt es immer noch das gemeinsame Essen mit den
Künstlern - vor oder nach dem Konzert?
Liedtke: Aber ja, das wird auch so bleiben, es ist eine Tradition. Wir
wollen auch diesbezüglich eine Kultur leben, partnerschaftlich sein. Also
kocht jemand aus unserem Team für die Gruppen und wir setzen uns alle
zusammen. Ob bei Linsen und Spätzle oder bei Chili con carne. (Lacht)
Pizza holen wir eher sehr selten.
Wallach: Ich kann das nur bestätigen. Im Pavillon ist das Teil des
Wohlgefühls. Die Leute sind höflich, respektvoll, sie reden nicht, sondern
hören richtig gut zu.
Herr Wallach, Sie treten am Samstag wieder eine Reise rund ums
Mittelmeer an auf den Spuren der Sepharden mit ihren wunderbar
fröhlichen oder auch fröhlich-traurigen Weisen. Gibt es Neues zu hören an
dem Abend?
Wir spielen zwar bekannte Stücke, kommen aber auch mit neuem
Repertoire. Zum Beispiel ein Stück zum Thema "David", das ich für den
evangelischen Kirchentag in Stuttgart geschrieben habe. Und wir bringen
diesmal unsere dritte Sängerin Sisu Lustig mit und unseren alten
Klarinettisten Alexander Bokolishvili. Das wird spannend.
Was Sie spielen, ist eine flirrende Collage aus alten Weisen - instrumental
hochkarätig interpretiert und von Ihnen arrangiert. Aber vieles von dem
wird es doch gar nicht als notierte Musik geben, sondern nur von
Generation zu Generation weitergegeben, oder?
Stimmt. Ich greife aber auf eine Sammlung von Melodien zurück, und da
ich in Israel aufgewachsen bin, habe ich diese Melodien auch irgendwie
einfach im Kopf. Was mir zugute kommt, ist, dass ich Kontakte zu
Musikwissenschaftlern habe, die über die sephardische Musik forschen.
Die gehen ins Feld, lassen sich Dinge vorsingen, nehmen das auf und
versuchen so gut es geht, das in Noten zu fassen.
Die sephardische Musik des Mittelmeers ist sehr verschieden. Ist das wie
bei verwandten Dialekten: ähnlich und doch nicht gleich?
Ja sicher. Es macht einen großen Unterschied, ob die Melodien und
Rhythmen aus Marokko kommen, aus der Türkei, Italien oder Spanien.
Herr Liedtke, der Pavillon ist ein soziokulturelles Zentrum. Aber dieses
Wort hören Sie nicht wirklich gern.

Ganz und gar nicht. Das schwingt halt irgendwie Unprofessionalität mit.
Wir haben aber ein hervorragendes Team aus Ton- und Lichttechnik, das
sich vor niemandem verstecken muss. Und wir machen nicht einfach
irgendwie "Kultürchen", sondern wollen uns ständig weiterentwickeln. Wir
haben unseren Qualitätsanspruch über die letzten Jahre eher noch
gesteigert. Und wir verlangen doch noch zivile Preise und nicht Eintritt wie
in die Porsche-Arena.
Sie haben zuletzt mit dem Kulturfest eine neue Schiene ausprobiert.
Wir haben keine Berührungsängste und wollen auch nicht nur
Musikveranstalter sein, sondern Soziokultur leben. Deshalb gehen wir auch
Richtung Textwerkstatt und Theaterstücke. Die Vielfalt macht's.
Wie steht es um die Konkurrenz, beispielsweise das Blaue Haus in
Böblingen?
Konkurrenz? Ach was. Gibt es nicht. Uns ist daran gelegen, dass keine
Terminkollisionen passieren. Deshalb sprechen wir uns ab. Wir leben auch
da lieber eine Partnerschaft. Wir freuen uns über jeden in Böblingen und
Sindelfingen, der was für die Kulturlandschaft tut. Ich würde mir
wünschen, wir hätten ein Tourismus-Aushängeschild Kultur für beide
Städte. Dann ziehen wir junges Publikum an, statt dass das nach Stuttgart
rein fährt.
Sie sind jetzt drei Jahre lang Vorsitzender der IG Kultur. Wir kriegt man so
ein Ehrenamt auf die Reihe neben dem Job als Vertriebsberater bei
T-Systems?
Indem man viel Freizeit dafür opfert. Aber es ist nicht nur Opfer. Ich gebe
nicht nur was, ich ziehe aus so etwas auch ganz viel Kraft, weil es was
anderes ist und es einen zufrieden macht, wenn man was bewegen kann.
Wir haben jährlich 4000 bis 5000 Besucher. Das ist viel. Aber es ist auch
noch Luft nach oben.

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