Volle Kanne Ohrenkino für Jazz-Liebhaber

KREISZEITUNG Böblinger Bote

Erschienen am Montag, 21. März 2016

Anlass: Jazztage / Freitag- und Samstag-Konzert

Jazztage der IG Kultur in Sindelfingen: Auftakt mit Flüstertüte und Magnus Mehl, am Samstag spielte das Slavko Benic Orkestr

Die IG Kultur knüpft mit den 2. Sindelfinger Jazztagen am Erfolg der Erstauflage im letzten Jahr an. Und schon am Freitagabend mit dem fulminanten Auftakt der Tübinger Formation Flüstertüte wurde unterstrichen: die hohen Ansprüche werden erfüllt.

Von Bernd Epple

SINDELFINGEN. Im vergangenen Frühjahr fanden im Pavillon und in der SMTT zum ersten Mal die Sindelfinger Jazztage statt. Nach der großartigen Resonanz war es für die Macher der IG Kultur keine Frage, dass dieses neue Profil der IG Kultur künftig weitergepflegt werden sollte - auch um die Sindelfinger Kulturlandschaft damit um eine Attraktion zu bereichern.

Was für ein Auftakt am Freitagabend! Für die große Überraschung sorgte die Tübinger Formation Flüstertüte. Was da im Programmheft als Support für Landesjazzpreisträger Magnus Mehls FUMMQ tituliert wurde, entpuppte sich als Hip-Hop/Jazz/Funk-Band, die den Vergleich mit der Jazzkantine nicht zu scheuen braucht. Diese Pioniere der Verbindung von deutschem Rap mit Jazz sorgten einst in den 90er-Jahren für Aufsehen. Flüstertüte betreibt dagegen den geringeren Personalaufwand und schafft es mit nur drei Musikern einen Sound auf die Bühne zu stellen, der im Trio-Jazz seinesgleichen sucht.

Keyboarder Anselm Krisch, der auch Lehrer an der Sindelfinger Musikschule (SMTT) ist, ersetzte mit seiner linken Hand den Bass in der Band. Und er tat das so überzeugend, dass die Combo weder Kontrabass noch E-Bass vermissen ließ. Jung und frisch rappten und funkten die drei im "Gute Laune-Groove" auf hohem musikalischem Niveau. Schlagzeuger Stefan Höfele, unter anderem auch schon Drummer bei Grönemeyer, sorgte mit äußerst filigranen und kreativen Drum-Figuren für den rhythmischen Pfiff. Tenorsaxofonist Lukas Pfeil blies seine Kanne mit warmem und sattem Ton. Mühelos schraubte er sich durch aufregende Skalen und ließ immer wieder durchblitzen, warum er sein Studium am Queens College New York mit Auszeichnung abschloss. Er ist nicht nur Meister der geblasenen Töne, sondern traf auch in seinen Ansagen und Rap-Reimen den richtigen Ton. Dabei kam der Humor nicht zu kurz. Eine sehr kompakte Performance aus einem Guss, die direkt in die Gliedmaßen ging und ein Lächeln in die Gesichter der Besucher zauberte.

Nach einer kurzen Pause kam das Ferenc und Magnus Mehl Quartett, kurz FUMMQ genannt. Ganz anders als die Vorgänger stellte diese Truppe ihre Instrumentenbeherrschung in den Vordergrund. Das frei gehaltene Altsaxofon-Intro Magnus Mehls war zugleich eine Präsentation des Soundspektrums eines Saxofons: Highnotes, Drop-Offs, Grawling, Slap Technik und mehrstimmiges Spiel durch Mitverwendung der Singstimme. Schließlich der Einsatz des treibenden Kontrabasses, von Fedor Ruskuc gezupft. Das war eindeutig etwas für Jazzohren, die Bebop nicht für ein neues After Shave halten. Mehl spielte mit vollem Körpereinsatz. Die Band wirkte insgesamt verspielter und stilistisch breiter aufgestellt als Flüstertüte, die durch souveräne abgeklärte Coolness punktete. Doch bei diesen unterschiedlichen Genres, wenn auch beides Jazz, sollte man lieber auf Vergleiche verzichten, da es nicht um eine Bewertung der Klasse gehen kann, sondern nur die Geschmäcker des Publikums den Unterschied machen.
Jazzklänge zu Bildern aus Märchenwelten

Neben den Kompositionen von Magnus Mehl wurden auch einige Stücke aus der Feder seines Bruders Ferenc (Schlagzeug) präsentiert. Meist ging es dann um Bilder aus dem Märchen- und Kinderbuchbereich, von der "Golden Goose" bis hin zum "Taka Tuka See". Bisweilen erinnerte die Musik aber auch an gehobenen Barjazz, bei dem man kurz vor dem letzten Absacker seinen Fantasien freien Lauf lassen kann. Zumindest ließen die Werke viel Raum, in individuelle Stimmungen einzutauchen. Bei "Lucky Hans" (Hans im Glück) zupfte Bassmann Ruskuc ein Basssolo vom Feinsten, in das er eine vertrackte Intervall-Technik einflocht. Bei "Smooth" griff Mehl auch mal zum Sopransaxofon. Spannende Harmoniewendungen mit einem expressiven und melodiösen Solo fügten sich mit Ferencs Filzschlägelspiel zu einem pastellfarbenen Bild zusammen.

In Anlehnung an Wayne Shorters "Yes Or No" kam bei "Yes I Know" Gitarrist und Skalenvirtuose Martin Schulte mit seinen Riffs auch noch richtig zum Zug, welcher schließlich auch mit Volldampf abfahren durfte. "Autumn In Novisad" der Blues am Ende des Abends fügte die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen der rund 40 Gäste wieder zusammen. Der Grundstein für ein gelungenes Festival war gelegt.
100 Minuten furioser Jazz im Schnellzug-Tempo

Am Samstagabend fanden schließlich mehr Leute ins Pavillon, um sich vom neunköpfigen Slavko Benic Orkestr im Funk/Latin/Jazz-Groove die Töne um die Ohren blasen zu lassen. Das war Ohrenkino der besten Sorte. Keine Zeitverschwendung durch überlange Ansagen oder Set-Pausen. Nein, der Schnellzug fuhr planmäßig und es ging auch gleich fulminant zur Sache! Die Vollblutmusiker zündeten ein Feuerwerk erster Güte, mit Posaune, Trompete, Tenor- und Altsaxofon an vorderster Front, unterstützt von Keyboards, Gitarre, E-Bass, Schlagzeug und Percussion. Die Soli wurden von rhythmischen Unisono-Phrasen-Teppichen gepuscht. Die Soundqualitäten einer Big Band sorgte dafür, dass das Kollektiv vor den Solopräsentationen der einzelnen Musiker stand, wenngleich diese so einiges zu bieten hatten.

Die Kompositionen erwiesen sich als überaus komplex und ausgefuchst und stammen allesamt aus der Feder des Reutlinger Schlagzeugers Wieland Braunschweiger, der sich mit dieser Formation einen Traum erfüllen konnte. In einer Bierlaune nach einem Konzert auf der Insel Var in Kroatien wurde er von einem Gast namens Slavko Benic motiviert, seine Kompositionen auf CD und unter die Leute zu bringen. Schließlich fand er die geeigneten Musiker. Und diese schafften es auch, im Rahmen der Jazztage 100 Minuten lang für Furore zu sorgen.

Die Sindelfinger Jazztage, dieses neue Highlight der Jazzveranstaltungen im Landkreis, wurde 2016 schließlich vom Barbara Dennerlein Trio beschlossen. Am Sonntagabend stand die Top-Organistin der internationalen Jazzszene auf der Bühne. Eine ausführliche Berichterstattung folgt morgen.

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