Steampunk im Sindelfinger Pavillon

KREISZEITUNG Böblinger Bote

Erschienen am Montag, 4. April 2016

Anlass: Konzert von Coppelius am 1. April

Die Band Coppelius bot große Show und schräge Musik

Am Freitag gaben sich die Herren von Coppelius die Ehre und spielten im IG Kultur Pavillon in Sindelfingen auf. Flankiert von den musikalisch sehr passenden Bands Tales Of Nebelheym und We Are Rinah erlebten die Fans einen bombastischen Steampunk-Konzertabend.

Von Steffen Volkmer

SINDELFINGEN. Steampunk ist eine etwas seltsame subkulturelle Strömung unserer Zeit, deren Anhängerschaft, vereinfacht gesagt, eine alternative Realität für sich entdeckt hat, in der die Dampfkraft und nicht die Elektrizität zum Fortschrittsmotor unserer Welt wurde. Eine Utopie, bei der futuristische Designs mit solchen des 19. Jahrhunderts verbunden und der oftmals Fantasy- oder Science-Fiction-Elemente beigemischt werden.

Am präsentesten ist der Steampunk, mit einer ganzen Reihe von Unter- und Nebenkategorien, wohl als literarische Gattung - wobei einige der Hauptvertreter, wie zum Beispiel Jules Verne, erst nachträglich darin aufgenommen wurden, da die Klassifizierung noch recht jung ist. Filme wie "Wild Wild West", "Sky Captain And The World Of Tomorrow" oder "Iron Sky" zählen zum erweiterten Genre-Kreis.

Musikalisch gilt die Berliner Band Coppelius - deren Mitglieder unter fiktiven Biografien als personifizierte Anachronismen aus dem 19. Jahrhundert auftreten - als Vorreiter, auch wenn die Band ebenfalls im Gothic und Metal zuhause ist. "Dass wir nun sogar als deutscher Hauptvertreter des musikalischen Steampunk gelten, war bei der alltäglichen Presseschau unseres Butlers beim Morgentee ein großes Hallo. Aber wir fühlen uns zugleich geehrt", erklärt Cellist Graf Lindorf den Kasus formvollendet.

Vor allem die Optik ist es, die die Szene ausmacht, und so bot auch das Publikum in Sindelfingen mit Zylindern, Fliegen, Gehröcken, Korsetts, angereichert mit Accessoires wie Zahnrädern, Schweißerbrillen, und Ledergurten einen ungewohnten und faszinierenden Anblick.

Bereits die erste Band des Abends, die Stuttgarter Formation Tales Of Nebelheym, konnte sich über einen gut gefüllten Pavillon freuen. In der Montur, mit der sie als Luftschiff-Besatzung einem Jules Verne-Roman entsprungen sein könnten, präsentierten die Musiker mit Akkordeon, Gitarren und Schlagzeug überwiegend englische Lieder, angesiedelt zwischen Power-Shantie und Folk-Rock mit irischer Note. Sie nennen es "Steam-Folk" und konnten damit die Fans schnell in Stimmung bringen.

Einen Tick schneller ging dann We Are Rinah zu Werke. Englischsprachiger, eingängiger Klezmer-Rock, der vielleicht weniger steampunkig daherkam als die anderen Acts, aber durch Cello und Klarinette hervorragend zur Hauptband des Abends überleitete und bereits deutlich Bewegung ins Publikum brachte.

Um 22 Uhr stimmten dann endlich die Herren von Coppelius ihren von ihnen selbst als "Kammer-Core" oder "Heavy-Wood" bezeichneten Sound an: kraftvoller, im Metal beheimateter Rock, den die Band allerdings allein durch Cello, Kontrabass und zwei Klarinetten erzeugt. Das einzige "moderne" Instrument ist das Schlagzeug, auch wenn die Kammerorchestrierung elektronisch verzerrt oder im Coppelius-Jargon "galvanisch amplifiziert" wird.

Die Texte, in Deutsch und Englisch gehalten, sind eine einzigartige Mischung aus Moritaten und schaurig-romantischen Erzählungen, zum Teil inspiriert aus der Literatur, beispielsweise von E.T.A. Hoffmann, dessen Romanfigur aus "Der Sandman" auch Pate für den Bandnamen stand, sowie Betrachtungen der Abgründigkeit menschlichen Seins, garniert mit einem Hauch jenes Absinth-Wahns, ohne den die Kunst des 19. Jahrhunderts oftmals nicht funktioniert hätte.

Ein Coppelius-Auftritt ist stets eine theatralische Inszenierung, präsentiert von Bastille, dem Diener der Herrschaft, der auch einen Hauptteil des Gesangs übernimmt. Allerdings sind sich auch Max Coppella und Comte Caspar nicht zu schade, zwischen ihren Klarinetten-Tönen die eigene Stimme immer wieder erschallen zu lassen. Ebenso wie Cellist Graf Lindorf, der am Samstag unter anderem den Gesangspart bei einer wundervollen Version von Motörheads "1916" übernahm, die die Band als Reminiszenz an den kürzlich verstorbenen Lemmy Kilmister spielte.

"Bühnenabstinenzankündigungskonzertreise" droht

Insgesamt wurde Coppelius im Pavillon einmal mehr dem Ruf gerecht, einer der besten und ausgefallensten Live-Acts zu sein, den man sich derzeit in deutschen Landen anschauen kann. Was das Sextett während des rund 120 Minuten dauernden Gigs bescherte, war die absolute Steampunk-Dröhnung, bei der das gesamte Publikum im voll besetzten Saal mitrockte. Umso mehr ist es schade, dass die Band, die im nächsten Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum feiert, auf ihrer Webseite eine Auszeit angekündigt hat. Bis zum Jahresende wird es aber noch eine ganze Reihe von Auftritten im Rahmen ihrer "Bühnenabstinenzankündigungskonzertreise" geben und auch die von ihnen komponierte, auf Hoffmanns gleichnamigem Werk basierende Steampunk-Oper "Klein Zaches, genannt Zinnober", wird 2016 noch einige Male aufgeführt werden. Die Fans, die der Band auch über weite Strecken zu den Konzerten nachreisen, werden davon wohl jeden möglichen Termin wahrnehmen und dann, wie auch in Sindelfingen, mit einem der Zeit angemessenen "Da Capo" Zugabe um Zugabe fordern.

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