Neues Leben im alten Sindelfinger Central-Kino

SZ / BZ

Erschienen am Samstag, 17. August 2013

Anlass: Filmfest im ehemaligen Central-Kino

Von unserem Mitarbeiter Thomas Volkmann

Ein wildes Chaos herrscht aktuell noch in dem zwischen 1926 und 1999 von verschiedenen Besitzern und Pächtern betriebenen Kino am Marktplatz. Alte Daddelautomaten stehen an die Wand gerückt, eine Bartheke verstaubt im Raum, über den einst 220 Besuchern Platz bietenden Saal verteilt sich Gerümpel. Dass hier einmal ein Kino war, davon zeugen unter anderem ein alter Filmprojektor und das Konterfei des bekannten Emil Jannings, der als Hauptdarsteller im 1922 entstandenen „Othello“ von einem großen kreisrunden Szenenbild grüßt.

An der Baustellenatmosphäre des seit über zehn Jahren brach liegenden Veranstaltungsortes will die IG Kultur, die nach der Schließung des Central zwei Jahre lang zusammen mit dem damaligen Kulturverein „Movida“ in diesen Räumen Programm machte, für das geplante Sommerkino vom 10. bis 14. September gar nicht so sehr viel ändern. „Es darf halt keine Stolperfallen geben, auch müssen wir für die Beleuchtung eines Notausgangs sorgen“, sagt Kai Venzlaff vom Vorstandsteam. Das Gerümpel wird hinter die von einer Eventfirma angemietete Leinwand verfrachtet, teils auch dekorativ präsentiert und stimmungsvoll beleuchtet, die Bestuhlung vermutlich aus dem Pavillon, dem IG Kultur-Domizil an der Calwer Brücke, organisiert.

Entstanden ist die Idee für diese Art von Werkstatt-Kinotagen während der letzten Sindelfinger Weihnachtssession. Dass dabei Filme von Roland Emmerich zur Aufführung gelangen sollen, verstand sich von selbst, schließlich gilt der Filmemacher ja als „großer Sohn der Stadt“, wie IG-Kultur-Kassier Albrecht Barth betont.

Als weiterer Programmaspekt kristallisierte sich aber auch heraus, dass der damalige „Movida“-Vorsitzende Antonio Bras die süddeutsche Uraufführung seiner mit elektronischer Musik erarbeiteten Live-Vertonung des restaurierten Stummfilmklassikers „Metropolis“ (1927) von Fritz Lang gerne in seiner Heimatstadt und den, wie Bras sagt, „morbiden Räumlichkeiten“ abhalten wollte. Bezuschusst werden die mit einem Budget von etwa 15 000 Euro kalkulierten Filmtage zur Hälfte von Stadt und Land. Eine Saalmiete müssen die Macher nicht bezahlen, lediglich die Stromkosten.

Die IG Kultur hatte gehofft, Roland Emmerich persönlich in Sindelfingen begrüßen zu können. „Wir hatten auch lange Zeit eine Zusage, haben nun aber erfahren, dass er uns nur per Videobotschaft beehren wird“, sagt Jörg Hamm, stellvertretender Vorsitzender der IG Kultur.

Bei seinen Kontakten mit Emmerichs Produktionsfirma Centropolis in Hollywood hatte Hamm darauf gehofft, dass deren Chefin Ute Emmerich, die Schwester des Filmemachers, die zu Sindelfinger Zeiten in Hamms Klassenstufe ging, ihren Bruder überzeugen könnte, im Rahmen der Vorstellungstour seines neuen Blockbusters „White House Down“, der am 5. September in den deutschen Kinos startet, im Central-Kino vorbeizuschauen. „Letztlich hieß es aber, Roland Emmerich sei immer‚ very busy, very busy’“, so Hamm.

Noch gut kann sich Jörg Hamm an seine Eindrücke von den in Sindelfingen und der Umgebung stattgefundenen Dreharbeiten von Emmerichs ersten beiden Langfilmen „Das Arche Noah Prinzip“ und „Joey“ erinnern. „Die Kulissen dieser Science-Fiction-Filme haben auf mich wie eine Modelleisenbahnanlage gewirkt, nur eben mit Raumschiffen, die er aus Filmdosen und Modellbausätzen gebaut hat.“ Auch Kai Venzlaff, damals 15 Jahre alt, blickte bei den Dreharbeiten in der ehemaligen Waschmaschinenfabrik Concordia in Maichingen hinter die Kulissen: „Ich fand das spektakulär, auf der aus Sperrholz errichteten Kommandobrücke des Raumschiffs stehen zu dürfen.“

Die Uraufführung von „Das Arche Noah Prinzip“, so erinnert sich Klaus Pellkofer, von 1975 bis 1988 Pächter des Central-Kinos, sei damals restlos ausverkauft gewesen, insgesamt 6000 Besucher haben Emmerichs Abschlussarbeit für die Münchner Filmhochschule in den ersten vier Wochen damals in Sindelfingen gesehen. „Damit lagen wir im Einspiel bundesweit an der Spitze“, ist Pellkofer noch heute stolz.

Zum Bedauern der IG Kultur existieren von „Das Arche Noah Prinzip“ nur gebrauchte DVDs. Dafür kommen Anfang September von den ebenfalls beim Werkstattkino geplanten „Hollywood Monster“ (1987) und „Moon 44“ (1989) – auch sie an Schauplätzen in Magstadt oder der Klosterseehalle entstanden – neue DVDs und Blue-Rays auf den Markt, für die sich die IG Kultur die Aufführungsrechte gesichert hat.

Außerdem wird „Independence Day“, Emmerichs erfolgreichstes Werk aus dem Jahr 1996, in dem er analog seinem neuesten Film schon einmal das Weiße Haus in die Luft gehen ließ, gezeigt. „Mit ‚Anonymous’ stellen wir außerdem einen Film vor, der zeigt, dass Emmerich nicht nur auf Science-Fiction und Action programmiert ist“, sagt Albrecht Barth. Angefragt ist außerdem ein Dokumentarfilm des Filmjournalisten Jo Müller, der 1998 auch eine Werkbiografie über Emmerich veröffentlicht hat.

Zum Abschluss der Filmtage am Samstag, 14. September, im danach wieder in seinen Dornröschenschlaf verfallenden Central-Kino wird Antonio Bras mit einer Live-Sound-Performance die in den Rang eines Unesco-Welterbes gehobene restaurierte Fassung von „Metropolis“ erklingen lassen.

Info: Weitere Informationen gibt es unter www.igkultur.de im Internet.

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