Lyrik vereint Politik, Wissenschaft und Glaube

KREISZEITUNG Böblinger Bote

Erschienen am Freitag, 24. Mai 2013

Anlass: Ernesto Cardenal in der Versöhnungskirche auf dem Goldberg

Musik und Poesie mit dem Dichter Ernesto Cardenal und dem Grupo Sal Duo in der Versöhnungskirche auf dem Goldberg in Sindelfingen

Schon in jungen Jahren entbrannte in Ernesto Cardenal die Liebe zur Lyrik. Am Mittwoch las der Priester, Revolutionär, Befreiungstheologe und Poet aus Nicaragua in der Versöhnungskirche mit musikalischer Begleitung durch das Grupo Sal Duo seine Gedichte aus sieben Jahrzehnten vor.

Von Corinna Schmid

SINDELFINGEN. Es staut sich am Eingang zur Versöhnungskirche. Die Parkplätze entlang der Goldbergstraße und der Kirchenparkplatz sind restlos belegt, im Inneren sieht es nicht anders aus. Jeder Stuhl ist besetzt, auch die letzten zwei freien Reihen der Empore füllen sich im Sekundentakt. Trotzdem bricht der Besucherstrom nicht ab, mehr Plätze müssen her, und so werden kurzerhand noch Stühle herbeigeschafft und an den Seiten aufgestellt, damit auch die Nachzügler einen Sitzplatz bekommen. Erst dann legt sich langsam die Hektik, die Gäste warten nun auf den Mann des Abends: Ernesto Cardenal.Zwei Bühnen sind vor dem Altarraum der Kirche aufgebaut worden, eine für Cardenal und seinen Übersetzer und Weggefährten seit 30 Jahren, Lutz Kliche, die andere für Anibal Civilotti und Fernando Dias Costa vom Grupo Sal Duo. Dann betritt der Priester, Revolutionär, Befreiungstheologe und Poet Ernesto Cardenal an der Hand von Kliche den Raum, begleitet vom begeisterten Applaus der Zuhörer. Das Licht wird abgedunkelt, nur die beiden Bühnen sind erleuchtet, ehe sanfte lateinamerikanische Gitarrenklänge und Gesänge in den Abend leiten. Auch ohne die Worte zu verstehen, nimmt einen das typische lateinamerikanische Flair sofort gefangen, dieser Wechsel von flotten, spaßigen Passagen zu langgezogenen, dramatischen, fast melancholischen Melodien.Dann beginnt der Vortrag von Ernesto Cardenal. Aus sieben Jahrzehnten präsentiert er zusammen mit Lutz Kliche eine Auswahl seiner Lyrik, erst auf Deutsch, dann auf Spanisch, dann anders herum oder im Wechsel. Cardenal und Kliche sind ein eingespieltes Team, doch obwohl das Publikum natürlich die Worte von Kliche versteht, so sind es die Betonungen und die Gesten Cardenals, die die Emotionen und Bedeutungen hinter den Worten zum Zuhörer tragen.Mit einem metaphorischen Augenzwinkern beginnt die Lesung mit den Jugendwerken Cardenals, vor seiner Zeit als Kirchenmann. Er spricht von der Liebe zu schönen Mädchen, von "Claudia" und von "Miriam", einfach von den "Jahren der Verliebtheit". Doch er sagt nach diesem Kapitel auch, warum die Liebe zu diesen Mädchen so wichtig war: "Die Liebe zur Schönheit von Mädchen brachte mich zur Liebe zu Gott, der größten Schönheit."Cardenal trat dem Mönchsorden der Trappisten bei, und auch aus dieser Zeit stellt er einige seiner Werke vor, bis er schließlich in der Moderne angekommen ist, beispielsweise mit seiner lyrischen Abhandlung über das "Handy" und die Ausbeutung, die betrieben wird, um dieses technische und heutzutage so unverzicht-bare Gerät herzustellen.Seine Gedichte sind in allen Bereichen politisch, doch in ihnen schwingt vor allem eins mit: Die Verbindung zwischen Wissenschaft und Glaube. Für Cardenal ist diese Symbiose ein zentrales Thema sowie die Zusammenkunft von Politik und Poesie, die vor allem in seinen Werken während der Zeit der nicaraguanischen Revolution hervortritt. Er erzählt von aufgehängten Männern und Frauen, von Kindern mit durchschnittener Kehle, von den ökologischen Veränderungen und Verletzungen, die die Natur während des Krieges erdulden musste. Doch er spricht auch immer wieder von Licht und Liebe, von der Evolution und den Sternen des Universums. Sein Gedicht "Der kosmische Gesang" besteht "aus wissenschaftlicher Poesie und poetischer Wissenschaft", so der 88-Jährige. Er vergleicht die thermische Energie mit der Liebe und sagt: "Von den Sternen kommen wir, zu ihnen kehren wir zurück".

Leben und Tod tanzenin einem unendlichen Kreislauf

Es ist diese Schneise zwischen der Wissenschaft und dem Glauben, die für ihn normal ist und seine Werke so interessant macht. Dabei verlieren seine Worte trotz aller Kritik nie den Glauben an die viel beschriebene Liebe. Er vergleicht die Evolution mit einer Revolution und den Menschen mit Maschinen, blickt mit einem Auge in die Vergangenheit und mit dem anderen in die Zukunft, wenn er fragt: "Sind wir Menschen nur Maschinen, die bessere Maschinen bauen als wir selbst es sind?".Das Leben, so erklingt es in seinen Werken, ist ein Mysterium, egal ob von Gott erschaffen oder während der Evolution entwickelt, und so heißt auch eines seiner Werke das "Mysterium des Lebens". Leben und Tod tanzen in einem unendlichen Kreislauf miteinander, und er fasst diesen Gedanken in einem Satz zusammen: Das Leben ist ein "Leben, das sich dem Leben weitergibt".

Das Publikum hängt bis zum Schluss an Cardenals Lippen, und als dann auch die letzten wehmütigen und kräftigen Akkorde des Grupo Sal Duos erklungen sind, erwächst im Saal ein donnernder Applaus, der lange nicht abbricht.

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