Keine Rede von Förderdschungel

SZ / BZ

Erschienen am Samstag, 15. Dezember 2012

Anlass: SZ/BZ Kulturgespräch

Von unserem Mitarbeiter Thomas Volkmann

Im Gespräch mit der SZ/BZ erläutert Jörg Hamm, warum die im Buch beschriebenen Forderungen die IG Kultur nicht unbedingt betreffen.

Die IG Kultur tritt vornehmlich als Kulturveranstalter, nicht als Produktionsbetrieb wie etwa ein Theater oder ein Schauspielhaus, auf. Fühlen Sie sich von den Thesen des Buches angesprochen?

Jörg Hamm: „Die IG Kultur ist vom grundsätzlichen Thema des Buches wenig betroffen. Im Gegenteil, die Sozio-Kultur wird von den Autoren sogar als positives Beispiel angeführt. Sie fordern, dass in diesen Bereich grundsätzlich mehr Geld fließen sollte. Von einem Förderdschungel, so wie er beschrieben wird, ist für uns keine Rede. Wir erhalten unsere Zuschüsse klar gegliedert von der Stadt Sindelfingen und dem Land Baden-Württemberg, zusätzlich noch Gelder vom Jazzverband.

Projektförderungsgelder, die letztlich zu einem Förderdschungel führen, spielen bei uns keine Rolle. Was nicht heißt, dass nicht auch wir für unsere Zuschüsse einen hohen bürokratischen Aufwand betreiben müssen. Schön ist, dass wir, seit im Land Grün-Rot regiert, Zuschüsse im Verhältnis von zwei zu eins erhalten, gegenüber drei zu eins zu Zeiten der CDU. Dadurch konnten wir zuletzt über 6000 Euro mehr verfügen.“

Das ‚Kulturinfarkt“-Quartett fragt: Warum soll ich Kultur fördern, wenn sich immer weniger Menschen dafür interessieren? Was antwortet die IG Kultur darauf?

Jörg Hamm: „Aus meiner Sicht wird die Kultur nicht ohne Förderung auskommen. Als eine Einrichtung, die ohnehin nur einen kleinen Anteil an Förderung bekommt, wären wir schnell weg vom Fenster. Bei uns ist es eindeutig so, dass wir durch unser vielschichtiges Programm immer mehr Besucher ansprechen. Eine Tendenz zu rückläufigen Besucherzahlen erkenne ich derzeit nicht. Wenn man sich allerdings ansieht, in welche Richtung sich das Kulturinteresse der Jugend im Vergleich zu früher entwickelt, führt das zwangläufig dazu, dass bestimmte Bereiche wie etwa die klassische Musik stark zurückgehen werden.“

Angenommen, der IG Kultur würden die Zuschüsse erhöht werden, wofür würden Sie dieses Geld ausgeben?

Jörg Hamm: „Wir könnten uns fest angestelltes Personal leisten und in die Verbesserung unserer räumlichen Infrastruktur investieren. Ich würde mir mindestens eine Halbtagesstelle wünschen, die Koordination und Büroarbeit übernimmt. Es gehört schon ziemlich viel Gutmütigkeit dazu, um die Arbeit im IG-Kultur-Vorstand zu machen.

Es gibt nach wie vor Menschen, die von unserem Angebot keinen Schimmer haben

Viele Leute, und da schließe ich einen Großteil unserer Mitglieder mit ein, kommen gerne zu den Veranstaltungen, aber hinter der Theke stehen wollen sie nicht. Das Problem ist oft akut. Ganz wichtig wäre eine Verbesserung des Außenbereichs des Pavillons und eine Leuchtreklame, sodass jeder, der einmal über den Calwer Bogen fährt, mitbekommt, dass sich hier seit jetzt 25 Jahren der Pavillon befindet.

Es gibt nach wie vor noch Menschen in Sindelfingen und Böblingen, die von uns und unserem Kulturangebot keinen Schimmer haben. Nach den jetzigen Möglichkeiten ist unsere Werbung ausgeschöpft. Bei einer Besucherumfrage kam heraus, dass genau der Werbemix, wie wir ihn seit vielen Jahren fahren – also Flyer, Homepage, Plakate und Ankündigungen in der Presse – richtig ist.“

Eine der Forderungen der „Kulturinfarktler“ ist eine größere Einbindung von Migrationskultur in die Kulturprogramme. Wie positioniert sich die IG Kultur zu diesem Thema?

Jörg Hamm: „Wir haben einen guten Kontakt zur Integrationsbeauftragten der Stadt und uns im Oktober am kleinen Festival der Kulturen beteiligt. Danach ist uns signalisiert worden, dass es nach dem erfolgreichen Abend bei uns auf jeden Fall eine Wiederholung geben soll. Wiederholt zu Gast, so wie letzten Samstag erst, hatten wir auch den spanischen Kulturverein Sal Marina.

Außerdem möchte der Nisa-Frauenverein aus Sindelfingen eine muslimische Disco für Frauen bei uns machen. In dieser Richtung soll es weitergehen. Aus meiner Sicht werden den ausländischen Vereinen mit der alten AOK keine optimalen Räumlichkeiten für ihre Vereinsarbeit geboten.“

Ulrich von der Mülbe hat im SZ/BZ-Kulturgespräch zum Thema „Kulturinfarkt“ gefordert, dass es zu mehr Synergien zwischen den im Kultursektor aktiven Gruppen kommen sollte, etwa eine gemeinsame Nutzung von Räumen für freie Theatergruppen. Wie sieht denn das Nutzungskonzept des Pavillons aus, gibt es da Möglichkeiten?

Jörg Hamm: „Wir teilen uns den Pavillon schon seit vielen Jahren mit dem Musikverein Sindelfingen. Wenn man es hochrechnet, nutzt der die Räumlichkeiten für seine Proben und Musikunterricht sogar öfter als wir von der IG Kultur, auch wenn wir den Pavillon montags, mittwochs, samstags und sonntags haben und der Musikverein ihn an den anderen drei Tagen nutzt.

Vor allem in den Abendstunden ist der Pavillon gut ausgelastet. Von unserer Seite gab es aber auch schon Kooperationen mit den Theatergruppen von Ulrich von der Mülbe und Doris Hirsch. Das Problem ist, dass uns Nebenräume fehlen und sich unser kleiner Backstage-Raum für Theaterproben nicht eignet. Um mehr aus dem Pavillon zu machen, müssten wir anbauen, etwa ein Büro, ein Lager und Umkleideräume.“

Wie würden Sie den Kontakt zur Stadt, ihrem für die Kulturarbeit wichtigen Geldgeber beschreiben? Geht das über das reine Zuschusswesen hinaus?

Jörg Hamm: „In früheren Zeiten bestand in dieser Hinsicht eine ziemliche Kluft zwischen der Kultur in der Stadthalle und der alternativen, mehr oder weniger als minderwertig eingestuften Kultur, wie wir sie gemacht haben. Das hat sich meiner Meinung nach richtig positiv entwickelt. Ich bin auch sachkundiger Bürger im Kulturausschuss und treffe dort ab und zu mit Kulturamtsleiter Horst Zecha zusammen, der mich immer wieder fragt, wo es Probleme gibt und ob er helfen kann.

Vor allem in den Abendstunden ist der Pavillon gut ausgelastet.

Im Kulturausschuss versuche ich deutlich zu machen, dass Sindelfingen nirgends so viel Kultur für so wenig zur Verfügung gestellte Mittel bekommt wie durch die IG Kultur. Eine wichtige Sache für uns ist auch die gute Entwicklung des Gebäudemanagements. Da laufen die Dinge inzwischen schneller und besser als früher.“

Dann ist ja das, was die Stadt in den Pavillon investiert, wie eine indirekte Förderung anzusehen.

Jörg Hamm: „Ja, das ist richtig. Im Fall unserer neuen Stühle wird es sogar so sein, dass diese, weil sie über den Anschaffungsetat des Kulturamtes laufen, als direkte Förderung angesehen werden und wir damit auch wieder einen erhöhten Anteil an Landesmitteln beantragen können.“

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