Jazzgrößen auf die Finger geschaut

KREISZEITUNG Böblinger Bote

Erschienen am Mittwoch, 29. März 2017

Anlass: Jazztage

Volker Engelberth mit Quintett, Dieter Ilg solo, Schlagzeuger im Duo und das Günter-Weiss-Quartett: dritte Sindelfinger Jazztage

Seit dem Wochenende finden die dritten Sindelfinger Jazztage im Pavillon statt. Mit Volker Engelberth, Bassist Dieter Ilg, dem Schlagzeug-Duo Fischer/Deul und dem Günter-Weiss-Quartett kam bereits Stimmung auf. Heute Abend setzt Herbert Joos den Schlusspunkt. Schon jetzt fiebern Jazzfans der vierten Auflage entgegen.

Von Siegfried Dannecker

SINDELFINGEN. Dass Jazz nochmal so viel Spaß machen kann, wenn man sieht, wie er gemacht wird – eine Binsenweisheit. Am Freitag- und am Samstagabend im Pavillon kam sie erneut zum Tragen. Wo man günstigstenfalls keine zwei Meter vom Musiker entfernt sitzt, springt ein anderer Funke über als daheim am Lautsprecher. Dann dröselt sich auch komplexe Musik einfach besser auf. Oder wird gar erst goutierbar.
So wie beim Schlagzeug-Duo Jörg Fischer und Ingo Deul aus Wiesbaden, das den ersten Teil des Doppelkonzerts am Samstag bestritten hat. Im Wohnzimmer würden sich gewiss nur Hardcore-Perkussionisten so ein Gewitter aus Becken, Fellen, Glocken anhören. Wenn man aber sieht, wie solche Collagen handwerklich entstehen, wenn das Strickmuster ins Auge fällt, dröselt sich auch die komplizierteste Soundvorlage auf. Mit zwei Sinnen erlebt man halt mehr.
Deul und Fischer jedenfalls entlockten ihren Schießbuden eine Kakophonie an Klängen, bildeten ein Noise-Orchester von mucksmäuschenleise bis zur infernalischen Ohr-Attacke. Da schnarrte es, zirpte es, fiepste es, kratzte, wummste, duff-duffte es. Und bewies, dass Veranstalter und E-Gitarrist Pit Bäuerle, der die Truppe in Landau mal live gesehen und verpflichtet hat, den richtigen Riecher hatte. „Bravo!“, rief man im Publikum, das am Samstag hätte zahlreicher sein dürfen. 70, 80 etwa waren da; am Vortag waren es rund 100. Auch da wäre noch Luft nach oben gewesen. Aber vielleicht muss sich noch herumsprechen, dass die Sindelfinger Jazztage ein Highlight im Jahreskalender des Pavillons, des Musikbetriebs im Kulturkalender Sindelfingens – und ein ganz eigenes Format sind. Wobei in der Vergangenheit Konzerte mit Dauner-Vater/Sohn oder Barbara Dennerlein ja vollkommen ausverkauft waren. Weshalb man veranstalterseitig gar nicht klagen will.
Klaus Haidle, 61 und Saxophonist, besagter Pit Bäuerle und Albrecht Barth waren es gewesen, die vor vier Jahren auf die Idee kamen, Sindelfingen im Frühjahr ein dreitägiges Jazzfestival zu bescheren. Jazz im Pavillon – das war ja schon üblich. Aber ein Festival eben noch nicht. Bereut hat das Trio die Reihe nie. Und stets auch Mut beweisen, nicht nur den Mainstream zu bedienen, sondern Wagnisse einzugehen. Siehe das Schlagzeug-Duo. Und: Dieter Ilg, der das Eröffnungskonzert bestritt. Solo am Bass, was für eine wunderbare Ouverture.
Hundert Jahre hat auf dem Buckel, was der halb so alte Freiburger Tausendsassa meisterhaft bespielt wie kein Zweiter. Und so meinte denn auch ein Konzertbesucher in der Raucher-Halbzeitpause, er hätte ja nie gedacht, dass ein Solobassist ihn eine Stunde problemlos bestens unterhalten könne. Nun ja, Ilg schon. Der legt ein harmonisches Muster – zum Beispiel aus Verdis Oper „Rigoletto“– vor. Oder auch den Kinderschlager „Guter Mond, du gehst so stille“, weil Ilg Folklore und liedhafte Volksweisen eben (zurecht) schätzt. Und dann improvisiert der wie sein Bass großgewachsene Mittfünfziger darüber. Interagiert, koloriert, tiriliert, präsentiert, jubiliert konzentriert. Das ist ein Seiltanz ohne Netz und doppelten Boden. Ilg streichelt die Saiten, er zupft sie, zieht sie, schlägt sie (an). Witz hat er in seiner Moderation auch. Etwa, wenn er sagt, dass er gelegentlich dazu neige, mitzusingen wie weiland Flügel-Heroe Keith Jarrett. Nur dass der für gewöhnlich stöhnt. Ilg nicht. Der sang zu John Coltranes „Cousin Mary“ halt „Di-dann-dann-do. Da-bei-bei-boo“. Ärmel aufkrempeln, zupacken. Herrlich.
Was für Volker Engelberth aus Mannheim mit Quintett nicht minder galt. Der 34-jährige Landesjazzpreisträger 2016, der mit seiner zierlichen Statur und dem bübischen Gesicht als zehn Jahre jünger durchgehen könnte, ist ein Derwisch. Als Bandleader wie als Pianist. Die harmonischen Balladenstrukturen, die aus dem Instrumentalisten und Dozenten nur so heraussprudeln, waren die perfekte Vorlage für solistische Ausflüge von Bastian Stein an der Trompete und Alexander „Sandi“ Kuhn am Saxophon. Auch zwei Könner. Das flutschte, perlte, swingte aus einem Guss im Fluss. Auf einem pulsierenden Rhythmusteppich war bei der Präsentation der Titel der „Jigsaw-Puzzles“-CD viel Raum zur freien Entfaltung.
Den sich auch der Bandleader nahm. Als sich Volker Engelberth einmal im 90-Grad-Winkel über seine 88 Tasten beugte, fürchtete man um seine Bandscheiben. Und wer seinen rechten Fuß beobachtete, hatte den Eindruck, da sei ein Zitteraal unterwegs. Dabei ist Engelberth überm Schemel die Oberkörper-Ruhe selbst. Kurioser Kontrast.
Kontrastreich wie das Quartett des Stuttgarter Gitarristen Günter Weiss mit seinen vorwärtstreibenden Beats und wunderbaren Saxophon-Chorussen von Jochen Feucht. Die Vierer-Truppe erneut zu verpflichten, war gewiss kein Fehler.
Heute um 20 Uhr dürfte die Bude richtig voll werden, denn mit Flügelhornist Herbert Joos, Pianist Patrick Bebelaar und Kontrabassist Günter Lenz kommen drei Große an den Calwer Bogen, die den Bogen raus haben. Restkarten an der Abendkasse.

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