„Frischer als Zitronenlimonade“

SZ / BZ

Erschienen am Dienstag, 22. März 2016

Anlass: Jazztage: Flüstertüte + FUMMQ

Sindelfingen: „Flüstertüte“ und „FUMMQ“ zum Auftakt der Sindelfinger Jazztage der IG Kultur im Pavillon

„Frischer als Zitronenlimonade“
Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden

Grooviger Jazz der Tübinger Formation „Flüstertüte“ läutete die zweiten Sindelfinger Jazztage der IG Kultur im Pavillon ein. Mit dem „FUMMQ“-Quartett um Landesjazzpreisträger Magnus Mehl im Anschluss ging eine variationsfreudige erste Jazznacht inklusive virtuoser Intermezzi zu Ende.

„Mehr Sein als Schein ist die Devise“, das zumindest gibt als Parole der Rapper und Tenorsaxer von „Flüstertüte“, Lukas Pfeil, gleich mit dem ersten Song dieser Jazztage am (Sprech-)Gesangsmikro aus und präzisiert in seinem Songtext gleich hernach die Seins-Semantik: Die stehe im Fall von „Flüstertüte“ für handgemachte Musik.
„Das ist nicht der Regelbetrieb“, reimt Pfeil mit einem Song, der auch nicht unbedingt Regelbetrieb von „Flüstertüte“ darstellt. Bei sieben Stücken in sechzig Minuten sind die Rap-Einlagen mit überwiegend selbstreferenziellen Texten – „Unser Sound ist frischer als Zitronenlimonade“ – lediglich sporadisch, die Stilistik breiter als bloß Hip-Hop und die Improvisation nimmt anders als zum Start-Stück doch beträchtlichen Raum ein.
Ein roter Faden zieht sich fast ohne Unterbrechung bei dem Trio um den unter anderem an der SMTT unterrichtenden Keyboarder Anselm Krisch durch alle Kompositionen: Tempi, bei denen sich noch die Achtel per Fuß mitwippen lassen, verweisen aufs Musikbiotop der tanzbaren Beats. Das Krisch-Keyboard mäandert dabei zwischen recht puristischen Piano- und E-Piano-Sounds über Orgel-Anklänge bis zu Synthi-Bläserklängen.
So unbeschwert locker wie Pfeils Moderationen kommt auch meist die Musik daher, liebäugelt kurz sogar mit Easy Listening. Das Stück „Nachtfahrt“, das an schwarz getünchten Elektro-Wave erinnert, fällt aus diesem Raster freilich raus, beschert aber eine hübsche Zusatzfarbe bei einem Auftritt, der bei aller Vielfalt in den Improvisationen auf Nachvollziehbarkeit setzt und mit mindestens einem Auge auf tanzwilliges Publikum schielt.

Die Formation um die beiden in Rottweil aufgewachsenen, mittlerweile in Stuttgart lebenden Mehl-Brüder mit Schlagzeuger Ferenc und Landesjazzpreisträger Magnus am Alt- und Sopransaxofon geht mit der älteren Eigenkomposition „Baden verboten“ ins Konzert. Wie drei Stücke später mit „The Dutch Way to Ride the Bike“ eine Up-Tempo-Nummer in Neo-Bop-Nähe, die die instrumentale Sonderklasse aller Beteiligten zutage fördert. Kaum umsonst kommen nicht alle „FUMMQ“-Mitglieder aus der nächsten Ecke: Martin Schulte an der oft angezerrten halbakustischen E-Gitarre lebt im Rheinland, Kontrabass-Crack Fedor Ruskuc in Serbien. Die meisten Hörer würden spätestens nach einer halben Stunde über Schwindelgefühle oder Brummschädel klagen, würde „FUMMQ“ im genannten Stil durch den Abend jagen. Der entpuppt sich aber als stilistisch unheimlich vielschichtig.
Teils mit Kostproben ihrer jüngsten CD, deren Kompositionen auf Kindheitserinnerungen der Brüder bauen, präsentiert das Quartett auch klanglich sehr sensible Musik, die einerseits selbst Phasen harmonischer Komplexität noch unterhalb von Kinderliedern nicht scheut, um allerdings dann in überraschende Tonzentren auszuweichen. Andererseits ist das sehr entwicklungsfreudiger Jazz, der Freiheiten und Kompetenz mal nutzt, um große Entwicklungen zu generieren, mal um freejazzartig Klangerkundung zu betreiben.

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