Ein Hauch von Woodstock in Sindelfingen

KREISZEITUNG Böblinger Bote

Erschienen am Dienstag, 2. Dezember 2014

Anlass: Hundred Seventy Split

Am Samstag gab es Bluesrock vom Feinsten mit Hundred Seventy Split im Sindelfinger Pavillon. Dahinter verbergen sich zwei ehemalige Mitglieder von Ten Years After, der Kultrockband, die schon bei 1969 Woodstock auf der Bühne stand. Es sind der Bassist und Mitbegründer Leo Lyons sowie der Sänger und Gitarrist Joe Gooch.

Von Thomas Brenner

SINDELFINGEN. Die große Blütezeit des Bluesrock geht auf die frühen 1970er Jahre zurück – die Assoziation von derbem Gitarrenrock mit Karohemden, langen Mähnen und dem Odem aus Schweiß, Bier und filterlosen Zigaretten kommt bei der Rückbesinnung fast unweigerlich auf. Prototypisch für diesen unglamourösen Stil waren Bands wie Free, Rory Gallagher oder Ten Years After. Eben von letzterer British-Rock-Legende stand Bassist und Gründungsmitglied Lee Lyons mit seinen wesentlich jüngeren Mitstreitern Joe Gooch (Gesang und Gitarre) und Damon Sawyer (Drums) als Hundred Seventy Split auf der Bühne des ausverkauften Sindelfinger Pavillons.
Mit den wuchtigen Riffs von „Where the Blues began“ steigen die drei ins Konzert ein: eine Midtempo-Nummer, in der Sawyers kraftvolles Rockdrumming und die pumpenden Achtellinien von Band-Senior Lyons (er feierte um Mitternacht seinen 71. Geburtstag) die Basis für die Gitarrenarbeit und den Gesang von Frontmann Joe Gooch legen.
Dieser Joe Gooch erweist sich im Verlauf des Abends als guter, wenngleich nicht als herausragender oder gar charismatischer Sänger und als Saitenkünstler, der seine Lektionen in virtuoser Heavy-Bluesrockgitarre gründlich gelernt hat. In einem Song wie dem folgenden „Park Pie Hat“ präsentiert er zunächst angezerrte Powerakkorde, die förmlich aus den Boxen zu platzen scheinen, um dann im solistischen Teil mit superflinken Läufen, dem Wechsel von Plektrum- und Zupftechniken der rechten Hand und dem gekonnten Einsatz eines Wah-Wah-Pedals gehörig Spannung aufzubauen.
Beim Publikum – dem Augenschein nach mehrheitlich der Generation 45 Plus angehörig – kommt dieser Gitarrensoli-gesättigte Sound bestens an. Es ist jene Art von Rockmusik, die man in aktuellen Radio- und TV-Formaten nicht mehr zu hören bekommt. Diese Spielart der Rockmusik hat sich eine Nische in den mittelgroßen Live-Clubs gesucht, wo engagierte Veranstalter wie die Mitglieder der Sindelfinger IG Kultur sie einem immer wieder begeisterungsfähigen Publikum präsentieren.

Ist Sänger Gooch nun konzentriert, cool oder einfach nur mies gelaunt?

Schade, dass Hundred Seventy Split im Pavillon nur wenig Anstalten machen, in Interaktion mit dem Publikum zu treten. Der weißmähnige Grandseigneur Lee Lyons lächelt zwar häufiger in die Menge und sagt den einen oder anderen Titel kurz an. Sänger Gooch lässt den Beobachter jedoch rätseln, ob seine durchgehend stoische Miene und Sprechweigerung der absoluten Konzentration auf sein Musikhandwerk, einer akuten Verdrießlichkeit oder aber verfestigter Coolness zuzuschreiben ist.
Das weitere Konzertprogramm besteht zum großen Teil aus neueren Songs der beiden HSS-Alben, die von der Machart zwischen energischem Riff-Rock und einigen schweren Slowblues-Balladen (die man ähnlich bereits schon von der British Rock-Ikone Robin Trower gehört zu haben glaubt) wechseln. Immer dann, wenn bekannte Ten-Years-After-Hits wie das hypnotische „Love like a man“ oder das beim Woodstock-Auftritt legendär gewordene „I?m going home“ mit seinen im rasenden Uptempo gespielten Rock ?n? Roll-Licks eingestreut werden, kam im Publikum die richtig große Begeisterung auf: Das war Nostalgie pur.
Mit dem in Sindelfingen gespielten Song-Material zeigen sich Hundred Seventy Split als würdige Verwalter des „British Bluesrock“-Erbes, fügen dem Genre jedoch auch keine bemerkenswerten neuen Facetten hinzu. Der Mix aus harmonisch meist simplen Songstrukturen, die mit zahlreichen Breaks, druckvollem Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug, heiserem Rockshouting sowie furiosen Gitarrensoli veredelt werden, verfängt beim Pavillon-Konzert bestens.
Nicht ohne einige Zugaben gespielt zu haben, wird Lee Lyons zu seiner späteren Geburtstagsparty entlassen.

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