Bruchbude wird kurzzeitig Filmkulturstätte

KREISZEITUNG Böblinger Bote

Erschienen am Samstag, 17. August 2013

Anlass: Vorbericht Emmerich-Filmreihe und Metropolis im Central-Kino

IG Kultur Sindelfingen zeigt im alten Kino am Marktplatz Roland-Emmerich-Werke und „Metropolis“ – Persönlicher Besuch doch abgesagt

Die Interessengemeinschaft (IG) Kultur ist immer wieder für eine Überraschung gut. Vom 10. bis 14. September entert der Verein das alte Kino am Marktplatz und zeigt Filme des Hollywood- Regisseurs Roland Emmerich, der aus Sindelfingen stammt. Zudem gibt es den Stummfilmklassiker „Metropolis“ zu sehen.

Von Robert Krülle

SINDELFINGEN. Bei diesem Projekt laufen einige Beziehungsfäden zusammen: In den 80er Jahren haben sich IG Kultur und Filmemacher Emmerich in Maichingen Räume geteilt, man kannte sich gut. Außerdem fanden die ersten Filmpremieren Emmerichs eben im „Neuen Central“ statt, dem altehrwürdigen Kino am Sindelfinger Marktplatz, das seit gut zehn Jahren als abbruchreifer Abstellraum dient.
Die IG-Kultur-Vorstandsmitglieder Albrecht Barth und Kai Venzlaff nahmen sich an Weihnachten vor, im Sindelfinger Jubiläumsjahr den berühmten Sohn der Stadt zu würdigen. Spätestens seit „Independence Day“ ist Emmerich eine weltweite Größe. Bald kam die Idee auf, das „Neue Central“ dafür zu nutzen. Nach dem Ende der Kinozeit Ende der 90er Jahre waren die beiden Säle zwischen Marktplatz und Polizei für zwei Jahre als Kulturzentrum „Movida“ bespielt worden – mit Unterstützung der IG Kultur. Nach dem „Movida“-Ende ergab sich keine weitere Nutzung. „Der Hauseigentümer Arnold Reuter hat immer mal wieder eine Idee gehabt“, erzählt Albrecht Barth, „aber er hat nie die Genehmigung bekommen, vor allem weil Parkplätze fehlen.“
Dafür darf die IG Kultur nun einige Tage hinein, auch das Baurechtsamt hat grünes Licht gegeben. Und so wird der große Saal, der momentan noch eher einem Trümmerfeld gleicht, in den nächsten Wochen zum kultigen Kino-Provisorium umgebaut. Dass die Emmerich-Filme „Das Arche Noah Prinzip“und „Joey“ laufen, ist Ehrensache – schließlich gibt es da enge Verbindungen zur IG Kultur und zum Central-Kino (siehe „Hintergrund“). Hinzu kommt „Anonymus“, aller Voraussicht nach ein Roland-Emmerich-Porträtfilm und . . . ein Blockbuster, den die IG Kultur aus rechtlichen Gründen nicht nennen dürfen. „Wir dürfen ihn zeigen, aber nicht den Titel verwenden“, erläutert Jörg Hamm mit einem Kopfschütteln. „Aber der Film hat einen Oscar bekommen, und es geht um den Weltuntergang“, schiebt der stellvertretende Vorsitzende der IG Kultur süffisant nach.

Neue „Metropolis“-Fassung war bisher nur selten zu sehen

Eingeklinkt in die Projektwoche hat sich der Sindelfinger Medienkünstler Antonio Bras, der schon lange seine neue „Metropolis“-Fassung wieder aufführen wollte. Seit fast 15 Jahren beschäftigt sich Bras mit dem Stummfilmklassiker und vertont ihn live mit technoiden Electro-Klängen. Diese stimmige Untermalung hatte im „Movida“, also ebenfalls im Central-Kino, seine Uraufführung erlebt.
Der Jubel unter den Stummfilm-Fans war groß, als 2008 in Südamerika unbekannte „Metropolis“-Szenen auftauchten. In der Folge werkelte Bras fleißig an einer Neufassung, die er im Sommer 2010 auf einem Filmfestival in Rumänien erstmals präsentierte. Doch dann sicherte sich der Branchenriese Warner Bros. die Rechte an „Metropolis“ und griff hart durch. „Ich war für 27 Aufführungen in ganz Deutschland engagiert und musste bis auf zwei alle absagen“, klagt Bras. Zwar verlor Warner Bros. schnell die Lust an dem Stummfilm und gab nach einem Jahr die Rechte wieder ab, doch Bras hat seitdem keinen Auftritt mehr absolviert – für ihn ist der 14. September also ein ganz besonderer Tag.
Mit 15 000 bis 18 000 Euro Gesamtkosten rechnen die IG-Kultur-Macher, von Stadt und Land gibt es 7500 Euro Zuschuss. „Eine tolle Unterstützung“, freut sich Jörg Hamm. Wobei es bereits einen dicken Wermutstropfen gibt. Weil Emmerichs neuer Film „White House down“ Anfang September in Berlin Premiere feiert, hat die IG Kultur extra die zweite Septemberwoche als Zeitraum gewählt – in der Hoffnung, Emmerich würde persönlich vorbeikommen. „Es hieß eine Weile, es klappt“, sagt Hamm, „jetzt wurde aber definitiv abgesagt. Er sei ,too busy'.“

HINTERGRUND
Emmerich und Sindelfingen
Der Filmregisseur Roland Emmerich ist in Sindelfingen aufgewachsen und hat im Kreis Böblingen in den 80er Jahren seine ersten Filme gedreht, in den 90er Jahren übersiedelte er nach Hollywood und wurde weltbekannt – mit dem Höhepunkt „Independence Day“ 1996, der für seine Spezialeffekte einen Oscar erhielt. Zuletzt wendete er sich vom Katastrophenszenario ab und verfilmte im Jahr 2011 mit „Anonymus“ einen historischen Stoff.
Die Anfänge des heute 57-Jährigen liegen in Sindelfingen, wo er das Gymnasium in den Pfarrwiesen besuchte. Er studierte an der Filmhochschule München, seinen Abschlussfilm „Das Arche Noah Prinzip“ drehte er aber zu großen Teilen in der stillgelegten Waschmaschinenfabrik „Concordia“ in Maichingen, wo etwa zeitgleich die IG Kultur ein Kulturzentrum betrieb.
Wie es bei Wikipedia im Internet heißt, sprengte „Das Arche Noah Prinzip“ in vielerlei Hinsicht den Rahmen. Größtenteils fremdfinanziert kostete er angeblich etwa eine Million DM – das Budget für einen Abschlussfilm lag damals bei 20 000 DM. Auch das Genre irritierte, denn opulent ausgestattete Science-Fiction-Filme aus Deutschland waren eher unüblich. Letztlich wurde der Film aber ein beachtlicher Erfolg, seine Uraufführung erfolgte im Sindelfinger Kino. Gleiches gilt für den Nachfolger „Joey“, der zum Teil im Döffinger Steinbruch gedreht wurde. Mit weiteren Filmen wie „Hollywood Monster“ und „Moon 44“ konnte Emmerich schließlich in Hollywood Aufmerksamkeit erregen und startete seine Karriere als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. (krü)

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